Alle Folgen · mentale-staerke · 06. September 2026 · 23 Min
Was du trainierst, das bekommst du
Warum Regelmäßigkeit über Jahre mehr bringt als hartes Training
Was du trainierst, das bekommst du.
In dieser Folge: warum Sport kein Projekt ist, warum es nicht hart sein muss um zu wirken, warum Erholung Teil des Trainings ist und warum die Art des Übens einen messbaren Unterschied macht. Mit Zahlen aus der Ving-Tsun-Forschung in Hongkong, EEG-Studien zu chinesischen Kampfsportlern, der japanischen JAGES-Alternsstudie und einer Evidenzzusammenfassung zum Kindertraining. Und mit der Geschichte eines profitablen Programms, das ich eingestellt habe.
Martial Arts Center München, Wörthstraße 9, 81667 München-Haidhausen.
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Willkommen bei Kampfkunst im Alltag. Mein Name ist Dušan Dražić.
Ich fange heute mit einem Satz an, der wie eine Binsenweisheit klingt und trotzdem fast alles erklärt.
Was du trainierst, das bekommst du.
Klingt banal. Ist es nicht. Denn die meisten Menschen trainieren etwas anderes, als sie glauben. Und wundern sich dann über das Ergebnis.
Ich unterrichte Kampfkunst seit 1981. Selbst trainiere ich seit 1969. Das sind über fünfzig Jahre auf der Matte.
In der Zeit habe ich tausende Menschen anfangen sehen. Kinder, Erwachsene, Polizisten, Soldaten, Manager, Rentner. Ich habe Ausbilder für den militärischen Nahkampf ausgebildet.
Und weißt du, was der größte Unterschied war zwischen denen, die es geschafft haben, und denen, die nach vier Monaten weg waren?
Nicht Talent. Nicht Fitness. Nicht mal Motivation.
Die einen sind nächste Woche wiedergekommen. Die anderen nicht.
Das war jahrzehntelang meine Beobachtung, mehr nicht. Inzwischen gibt es dazu Forschung. Aus Japan, aus China, aus Hongkong. Und die ist erstaunlich deutlich.
Darüber rede ich heute. Und am Ende erzähle ich dir, warum ich ein profitables Programm eingestellt habe.
Fangen wir mit dem Problem an.
Wir haben alle dasselbe Bild im Kopf, wenn wir an Sport denken. Sport ist ein Projekt. Anfang, Anstrengung, Ende.
Der Zehn-Wochen-Kurs. Das Sommerprogramm. Die Challenge. Die Transformation in neunzig Tagen.
Und dieses Modell ist der Grund, warum die meisten Menschen scheitern.
Denk an dein eigenes Leben. Wie oft hast du angefangen?
Erste Woche: Feuer. Du kaufst Ausrüstung, du erzählst es Leuten.
Dritte Woche: immer noch gut, aber die Euphorie ist weg.
Fünfte Woche: der erste Termin, der dazwischenkommt.
Siebte Woche: du warst zweimal nicht da.
Zwölfte Woche: es existiert nicht mehr in deinem Kalender.
Und dann kommt das Schlimmste. Du erklärst dir das mit deinem Charakter. Du sagst dir: Ich bin halt nicht der Typ dafür, ich hab keine Disziplin.
Das ist falsch. Es lag nie an dir. Es lag am Modell.
Ein Projekt endet. Deshalb bist du danach wieder da, wo du angefangen hast. Das ist der Jojo-Effekt. Den kennst du vom Abnehmen, und er gilt genauso für jede Form von Bewegung.
Bei Kindern ist es noch krasser. Ein Kind, das drei Kurse hintereinander macht und jedes Mal aufhört, lernt dabei eine Lektion: Sport ist eine Phase.
Diese Lektion trägt es dreißig Jahre mit sich rum.
Zweiter Irrtum, und der sitzt noch tiefer.
Wir glauben, Training muss weh tun, damit es wirkt.
No pain, no gain. Der Kotzeimer. Der Typ, der nach der Einheit auf allen Vieren liegt und das als Erfolg postet.
Das ist Marketing. Das ist keine Trainingswissenschaft.
Der norwegische Sportwissenschaftler Stephen Seiler hat untersucht, wie Ausdauersportler auf Weltniveau tatsächlich trainieren. Nicht was sie erzählen. Was sie wirklich tun.
Das Ergebnis: Rund achtzig Prozent des Trainingsvolumens liegt im niedrigen Intensitätsbereich. Locker. Unter der ersten Schwelle. Nur etwa zwanzig Prozent ist wirklich hart.
Achtzig zu zwanzig.
Und jetzt der Punkt, der mich am meisten interessiert: Der typische Fehler von Freizeitsportlern ist nicht zu wenig Training. Es ist zu viel Zeit in der Grauzone. Zu hart, um sich zu erholen. Zu weich für einen echten Reiz.
Du wirst müde, aber nicht besser. Und irgendwann fragst du dich, wofür du dir das antust.
Ich sage dir aus über fünfzig Jahren: In der Kampfkunst ist es exakt dasselbe.
Ich habe unzählige Leute erlebt, die mit voller Wucht angefangen haben. Viermal die Woche, immer am Anschlag, als Erste da und als Letzte weg.
Die waren nach vier Monaten weg. Ausnahmslos.
Und ich habe Leute, die zweimal die Woche kommen, nie am Limit, nie spektakulär. Die sind seit fünfzehn Jahren dabei. Die können heute Dinge, von denen die Vollgas-Fraktion nie geträumt hat.
Sie waren länger da. Das war der ganze Unterschied.
Dritter Punkt, der unbequemste, gerade in der Kampfkunst.
Erholung ist kein Gegenteil von Training. Erholung ist der Teil, in dem der Fortschritt entsteht.
Im Training setzt du den Reiz. In der Erholung passt sich dein Körper an. Streichst du die Erholung, bleibt nur Belastung ohne Ertrag.
Dazu gibt es eine vielzitierte Übersichtsarbeit von Fullagar und Kollegen aus dem Jahr zweitausendfünfzehn in Sports Medicine. Die Datenlage ist klar: Schlafmangel verschlechtert sportliche Leistung, Reaktionszeit und geistige Funktion messbar. Andere Arbeiten verbinden zu wenig Schlaf mit höherem Verletzungs- und Infektrisiko.
Übersetzt: Wenn du fünf Stunden schläfst und dich dann im Training rausballerst, arbeitest du gegen dich.
Ich weiß, dass das in der Kampfkunstwelt schwer zu hören ist. Wir haben eine ganze Kultur um Durchhalten gebaut. Um Schmerz aushalten. Um nicht aufgeben.
Und ich bin der Letzte, der Härte kleinredet. Ich weiß, was Belastung ist.
Aber Härte ohne Erholung ist keine Härte. Das ist Selbstsabotage mit besserer PR.
Echte Härte ist, im dritten Jahr noch da zu sein, wenn es nicht mehr aufregend ist.
Das kannst du nicht posten. Es ist trotzdem das Einzige, was funktioniert.
Noch ein Prinzip. Das stammt ausgerechnet aus der Landwirtschaft.
Im neunzehnten Jahrhundert wurde das Gesetz des Minimums formuliert. Eine Pflanze braucht mehrere Nährstoffe. Und begrenzt wird ihr Wachstum immer von dem, der am knappsten ist.
Du kannst so viel Stickstoff draufkippen, wie du willst. Wenn Kalium fehlt, wächst nichts.
Übertrag das auf dich.
Dein Fortschritt hängt nicht an dem, worin du schon gut bist. Er hängt an deinem Engpass.
Bei dem einen ist das die Beweglichkeit. Beim nächsten der Schlaf. Beim dritten der Stress im Job. Bei ganz vielen ist es schlicht die Regelmäßigkeit.
Und was machen die meisten? Sie trainieren härter das, was ohnehin funktioniert. Weil sich das besser anfühlt.
Ich frage meine Schüler deshalb nicht, was sie verbessern wollen. Ich frage sie, was sie aufhält.
Manchmal ist die ehrliche Antwort, früher ins Bett zu gehen.
Das ist keine sexy Antwort. Ich verkaufe damit keine Zusatzstunden. Es ist trotzdem die richtige.
So. Jetzt kommen wir zum Kern der heutigen Folge, und da wird es richtig interessant.
Wenn du in die Forschung schaust zum Thema chinesische Kampfkunst und Gesundheit, dann findest du fast ausschließlich Studien zu Tai Chi.
Hunderte davon. Eine bibliometrische Auswertung hat allein die internationalen randomisierten Studien bis Ende zweitausendzwanzig gezählt: zweihundertvierunddreißig Arbeiten.
Und Tai Chi wird üblicherweise als Formentraining betrieben. Langsam, fließend, ohne Kampfanteil.
Jetzt kommt der Punkt, den fast niemand macht.
Wenn ich nur Formen laufe, dann bekomme ich als Ergebnis das, was Formenlaufen produziert. Wenn ich im Wing Chun ausschließlich Formen, Chi Sao und Koordinationsübungen machen würde, käme am Ende ungefähr dasselbe raus wie beim Tai Chi.
Aber das ist nicht, was wir machen. Wir trainieren schnelle Fauststöße. Schnelle Hand- und Armbewegungen. Pratzenarbeit. Gor Sao. Freikampf.
Also Explosivkraft. Reaktion unter Zeitdruck. Entscheidung, während sich der Gegenüber bewegt.
Und das ist eine völlig andere Belastung.
Ich habe lange gedacht, das sei nur meine Erfahrung. Es gibt aber eine Messung dazu.
Eine Untersuchung hat direkt verglichen, was im Körper passiert bei der Ausführung von Wing Chun und bei der Ausführung von Tai Chi Chuan. Gemessen wurde also direkt beim Üben, nicht auf dem Laufband.
Die maximale Sauerstoffaufnahme der Praktiker beider Stile unterschied sich im Laufbandtest nicht. Die waren also körperlich vergleichbar.
Während der Ausübung aber lag die Sauerstoffaufnahme beim Wing Chun bei dreiundzwanzig Komma drei Millilitern pro Kilogramm und Minute. Das entspricht sechs Komma sechs MET.
Beim Tai Chi waren es sechzehn Komma null.
Das sind rund sechsundvierzig Prozent höhere Stoffwechselbelastung. Direkt gemessen, bei denselben Bewegungen, die die Leute ohnehin machen.
Das heißt nicht, Tai Chi sei schlecht. Tai Chi ist großartig für das, wofür es gemacht ist. Es heißt: Man kann von Tai-Chi-Studien nicht einfach auf jede Kampfkunst schließen.
Und für dich als Trainierenden heißt es: Der intensive Anteil, die zwanzig Prozent im Achtzig-zu-zwanzig-Modell, die kommen bei uns aus Chi Sao, Gor Sao, Pratzen und Freikampf. Nicht aus mehr Zeit. Aus der richtigen Zeit.
Und jetzt kommt der Teil, auf den ich mich am meisten gefreut habe.
Es gibt Forschung zu genau unserem System. Zu Ving Tsun.
Getragen wird sie von einer Gruppe an der Universität Hongkong um Shirley Fong. In den Danksagungen der Studien werden zwei Sifus namentlich genannt, die das Chi Sao angeleitet haben. Das ist also mit echten Praktikern gebaut, nicht am Schreibtisch.
Erste Arbeit, eine Querschnittsstudie aus dem Jahr zweitausendsiebzehn, veröffentlicht in der Zeitschrift Medicine.
Achtzehn Ving-Tsun-Praktiker mittleren Alters, Durchschnitt einundfünfzig Jahre, verglichen mit sechsunddreißig Kontrollpersonen. Und jetzt aufgepasst: Das waren aktive Kontrollen. Keine Couch-Gruppe. Menschen, die auch Sport machen.
Die Ving-Tsun-Gruppe hatte:
Elf Komma fünf Prozent höhere Knochendichte am Unterarm.
Siebzehn Komma acht Prozent mehr Magermasse in den Beinen.
Sechsundfünfzig Komma vier Prozent mehr Kraft in den Knieextensoren, körpergewichtsbereinigt.
Sechzig Komma acht Prozent mehr Kraft in den Knieflexoren.
Und, das ist der wichtigste Wert: Die Zeit bis zur Spitzenkraft war einunddreißig Komma vier Prozent kürzer.
Zweite Arbeit, und das ist jetzt eine randomisierte kontrollierte Studie, also die höchste Stufe.
Dreiunddreißig Menschen ab fünfundfünfzig Jahren. Reines Chi-Sao-Training. Zweimal pro Woche. Drei Monate.
Bei den Armen: Die Maximalkraft blieb gleich. Aber die Zeit bis zur Spitzenkraft der Schulterbeuger sank um dreiunddreißig Komma acht Prozent.
Bei den Beinen: Die Maximalkraft der Knieflexoren stieg, aber nur in der Ving-Tsun-Gruppe.
Und jetzt sage ich dir auch, was nicht besser wurde, weil ich das für genauso wichtig halte: Der Gelenkstellungssinn hat sich nicht verbessert. Die Maximalkraft der Arme auch nicht.
Wer dir erzählt, Kampfsport verbessere alles, hat die Studien nicht gelesen.
Was sich in jeder einzelnen Auswertung verbessert hat, ist die Geschwindigkeit der Kraftentfaltung.
Chi Sao macht dich nicht maximal stärker. Es macht dich schneller darin, Kraft zu produzieren.
Und das klingt nach einem Detail. Es ist keins.
Diese Fähigkeit ist genau das, was im Alter zuerst verloren geht. Und sie ist das, was darüber entscheidet, ob du beim Stolpern noch abfängst oder ob du fällst. Maximalkraft nützt dir wenig, wenn sie zu spät kommt.
In der Anwendung gilt dasselbe. Ein Schlag, der stark ist, aber langsam, trifft nicht.
Wir trainieren also seit Jahrzehnten genau die Eigenschaft, die im Alter am dringendsten gebraucht wird. Ohne dass wir das je so genannt hätten.
Nächster Bereich. Und hier muss ich dir zwei Studien nebeneinanderlegen, die sich erst mal widersprechen.
Beide kommen aus China und beide untersuchen Sanda. Das ist der chinesische Vollkontakt-Kampfsport.
Studie eins, von der Shanghai University of Sport, aus dem Jahr zweitausendfünfundzwanzig. Neunzehn Sanda-Kämpfer mit über fünf Jahren Training gegen neunzehn normale Studenten. Gemessen wurde per EEG mit sogenannten ereigniskorrelierten Potenzialen. Das heißt, man schaut dem Gehirn direkt beim Arbeiten zu.
Ergebnis: Die Kampfsportler waren schneller in der Reaktion und hatten eine bessere kognitive Kontrolle. Und zwar ohne dass die Genauigkeit gelitten hätte. Schneller und trotzdem genau.
Studie zwei, von der Beijing Sport University, aus zweitausendvierundzwanzig. Siebenunddreißig Athleten des nationalen Meisterteams im Sanda gegen achtunddreißig Sportstudenten. Ein anderer Test, der Attention Network Test.
Ergebnis: schlechtere exekutive Kontrolle bei den Kämpfern.
Und die Autoren nennen den Grund im selben Absatz: Beim Sanda geht es darum, den Gegner zu treffen, und Kopftreffer kommen häufig vor.
Zwei Studien, gegensätzliches Ergebnis. Und trotzdem kein Widerspruch.
Der Unterschied liegt nicht in der Kampfkunst. Er liegt darin, wie sie betrieben wird.
Fünf Jahre regelmäßiges Training macht den Kopf schneller.
Jahrelange Wettkampfelite mit wiederholten Kopftreffern kostet dich etwas.
Und deshalb, und das sage ich jetzt ganz klar, gibt es bei mir kein Wettkampftraining. Bewusst nicht.
Das hat nichts mit Weichheit zu tun. Es ist eine nüchterne Rechnung.
Der kognitive Gewinn kommt aus der Anforderung. Unter Zeitdruck entscheiden, während sich der andere bewegt. Das ist Gor Sao. Das ist Chi Sao. Das ist kontrolliertes Partnertraining.
Der Verlust kommt aus dem Treffer.
Wir holen das eine und lassen das andere weg.
Wenn dir also jemand erzählt, Kampfsport sei schlecht für den Kopf, dann hat er eine Studie über Profikämpfer gelesen und daraus auf ein Kindertraining in Haidhausen geschlossen. Das ist, als würde man vom Formel-Eins-Unfallrisiko auf das Fahrradfahren schließen.
Bleiben wir beim Gehirn, aber gehen wir nach Japan.
Japan hat eine der größten Alternsstudien der Welt, die heißt JAGES. Eine Auswertung aus dem Jahr zweitausendvierundzwanzig hat elftausendzweihundertneunzehn Menschen ab fünfundsechzig über durchschnittlich fünf Komma drei Jahre begleitet.
Untersucht wurde, wer eine Demenz entwickelt und wer nicht, abhängig davon, ob die Leute regelmäßig Gymnastik machten.
Ergebnis: Wer regelmäßig übte, hatte ein Hazard Ratio von null Komma zweiundachtzig beziehungsweise null Komma einundachtzig. Also grob achtzehn bis neunzehn Prozent geringeres Demenzrisiko.
Und das ist bereinigt um Alter, Einkommen, Bildung, Vorerkrankungen, Depression und Gehdauer.
Jetzt das Erstaunliche daran. Es geht um Radio-Taiso. Das ist eine dreiminütige Gymnastik, die in Japan seit Jahrzehnten im Radio läuft. Keine Intensität. Keine Ausrüstung. Drei Minuten.
Nur eben: jeden Tag. Über Jahrzehnte.
Zwei weitere Befunde aus derselben Datenlage.
Erstens: Wer mindestens zweimal pro Woche trainiert, senkt sein Risiko für kognitive Beeinträchtigung.
Zweitens, und das ist für mich der wichtigste Satz der ganzen Folge: Training mit anderen war wirksamer als Training allein.
Und die Lancet Commission zur Demenzprävention, das ist eines der angesehensten Expertengremien überhaupt, hat in ihrer Aktualisierung von zweitausendvierundzwanzig festgehalten, dass rund fünfundvierzig Prozent der Demenzfälle potenziell über vierzehn beeinflussbare Risikofaktoren adressierbar sind.
Auf dieser Liste stehen unter anderem körperliche Inaktivität und soziale Isolation.
Kampfkunst trifft beide. Gleichzeitig. Im selben Termin. Zweimal die Woche.
Das ist für mich nach über fünfzig Jahren der eigentliche Wert. Nicht die Technik. Die Struktur, die sie dir gibt, und die Leute, die merken, wenn du fehlst.
Jetzt zu einem Thema, das mir persönlich sehr wichtig ist. Ich weiß, dass viele Eltern zuhören.
Die Zahlen für Deutschland sind bekannt. Nach der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts sind rund fünfzehn Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, knapp sechs Prozent adipös. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt sechzig Minuten Bewegung am Tag. Die meisten erreichen das nicht ansatzweise.
Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich mich von vielen unterscheide.
Es gibt eine Idee, die fürsorglich klingt: spezielle Sportgruppen für übergewichtige Kinder. Geschützter Raum, unter sich, kein Vergleich.
Ich halte das für falsch.
Warum? Weil du dem Kind damit genau das Gefühl gibst, das du eigentlich wegnehmen willst. Du sagst ihm: Du bist ein Sonderfall. Für dich gibt es eine eigene Gruppe.
Das Kind ist nicht dumm. Es versteht sofort, was das heißt.
Und was passiert nach dem Kurs? Die Gruppe löst sich auf. Und dann?
Bei uns gibt es diese Sondergruppen bewusst nicht. Kinder kommen in die normalen Programme. Tiny Tigers ab vier, Little Tigers ab sieben, Kung Fu Kids ab zehn, dann Kickboxen und Thaiboxen ab vierzehn.
Wir lösen es anders. Wir machen die Übung skalierbar, sodass sie zu jedem Kind passt.
Liegestütz gibt es an der Wand, auf den Knien oder am Boden. Sprungkraft als Ausfallschritt, Step-up oder Sprung. An den Pratzen zwei Runden oder vier.
Der Trainer sagt die Variante an. Wer eine andere braucht, nimmt eine andere. Ohne Kommentar, ohne Blick.
Nach drei Wochen fällt das keinem mehr auf, weil es alle betrifft. Der dünne Zwölfjährige ohne Rumpfkraft nimmt dieselbe Variante wie das schwere Kind.
Wenn Anpassung für alle normal ist, ist sie für niemanden ein Makel.
Und jetzt ein Punkt, der mich selbst überrascht hat.
Es gibt eine große Evidenzzusammenfassung der Fudan-Universität in Shanghai aus zweitausendvierundzwanzig. Die haben siebzehn Datenbanken durchsucht, darunter die großen chinesischen, und daraus neununddreißig einzelne Evidenzaussagen abgeleitet, jeweils mit Evidenzgrad.
Eine dieser Aussagen, auf höchstem Evidenzgrad: Unverändertes Training wirkt besser als vereinfachtes, angepasstes Training.
Das läuft dem westlichen Reflex komplett zuwider. Wir denken automatisch: Ältere, Schwächere, Übergewichtige, die kriegen die abgespeckte Version.
Die Daten sagen: Die Komplexität ist der Wirkstoff, nicht das Hindernis.
Deshalb bekommt bei uns jedes Kind denselben Inhalt. Nur in der Ausführung, die zu ihm passt. Wir vereinfachen nicht die Kampfkunst. Wir machen sie zugänglich.
Zwei weitere Aussagen aus derselben Zusammenfassung: Gruppentraining wird ausdrücklich empfohlen, und die Trainingstreue ist in Gruppen höher. Und: Der Trainer ist ein Wirkfaktor. Seine Motivation und seine Lehrmethode beeinflussen messbar das Gefühl sozialer Unterstützung, die Selbstwirksamkeit und ob die Leute dranbleiben.
Für mich als jemand, der Trainer ausbildet, ist das ein Auftrag.
Kurz noch zu einer Frage, die Eltern fast immer stellen: Hilft das meinem Kind in der Schule?
Es gibt dazu große chinesische Datensätze.
Eine Untersuchung an viertausendneunhunderteinundneunzig Jugendlichen aus elf chinesischen Städten fand: Je mehr Zeit ein Jugendlicher täglich in moderater bis intensiver Bewegung verbringt, desto kürzer sind seine Reaktionszeiten bei Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis und kognitiver Flexibilität.
Übersetzt: schneller im Bremsen, schneller im Umschalten, schneller im Merken.
Eine weitere Arbeit an eintausendeinhundert Kindern zwischen neun und zwölf Jahren fand denselben Zusammenhang.
Und eine Meta-Analyse, an der die Wushu-Fakultät der Chengdu Sport University beteiligt war, betont einen Punkt, der für die Wahl der Sportart wichtig ist: Verschiedene Trainingsarten wirken über verschiedene Mechanismen. Es ist nicht egal, was man macht.
Und da liegt der Vorteil der Kampfkunst gegenüber vielen anderen Kindersportarten. Dein Kind muss nicht nur laufen. Es muss eine Bewegungsfolge merken, sie spiegelverkehrt können, sie anpassen, und das unter Zeitdruck, während sich ein Partner bewegt.
Das ist Bewegung und Denken gleichzeitig. Und genau das ist offenbar der Wirkmechanismus.
Jetzt zum Abnehmen, weil mich das fast jeder fragt.
Ja, das passiert. Bei Leuten, die dranbleiben, verändert sich die Körperzusammensetzung von allein. Fett runter, Muskel rauf, bessere Beweglichkeit, besseres Körpergefühl.
Ich hatte Schüler, die in achtzehn Monaten über zwanzig Kilo verloren haben. Ohne dass ich ihnen ein Abnehmprogramm gegeben hätte.
Zwanzig Kilo in achtzehn Monaten. Das ist nicht schnell. Und genau darum geht es.
Ich sag dir was zu schnell.
Ich hatte früher ein Zwölf-Wochen-Abnehmprogramm mit Kampfsport. Je nach Trainingsintensität und wie konsequent jemand bei der Ernährung war, waren zwischen vier und zwölf Kilo drin.
Es hat funktioniert. Es war profitabel.
Und ich habe es eingestellt.
Weil ich bei den meisten nicht mehr erfahren habe, ob sie meinen Rat befolgt haben, sich danach weiter zu bewegen. Die waren auf den schnellen Erfolg aus. Und schneller Erfolg ohne Gewohnheit dahinter kommt zurück. Immer.
Ich verkaufe nichts, an das ich selbst nicht glaube. Auch wenn es Geld bringt.
Zwei Sachen noch dazu.
Erstens: Wenn Fett abgebaut und gleichzeitig Muskel aufgebaut wird, bewegt sich die Waage langsamer, als es sich anfühlt. Der BMI ist hier die schlechteste Kennzahl, die du wählen kannst. Miss lieber, wie deine Hose sitzt und was du körperlich schaffst.
Zweitens: Die Ernährung entscheidet mit. Das ist bei jeder Sportart so, nicht nur bei uns. Wer zweimal die Woche trainiert und den Rest der Woche isst wie vorher, wird fitter und stärker, aber die Waage bewegt sich eben langsam.
Ich fasse zusammen. Sechs Punkte.
Erstens: Sport ist kein Projekt. Ein Projekt endet, und dann bist du wieder am Anfang. Denk in Jahren, nicht in Wochen.
Zweitens: Es muss nicht hart sein, um zu wirken. Achtzig Prozent moderat, zwanzig Prozent intensiv. Wer immer am Limit trainiert, ist bald weg.
Drittens: Erholung ist Teil des Trainings. Schlaf ist kein Luxus. Genau dort entsteht der Fortschritt.
Viertens: Was du trainierst, das bekommst du. Wing Chun in der Ausübung liegt bei sechs Komma sechs MET, Tai Chi bei deutlich weniger. Beides hat seinen Wert. Wing Chun ist nur eine andere Belastung. Und Chi Sao macht dich messbar schneller in der Kraftentfaltung, nicht maximal stärker. Das ist genau die Eigenschaft, die im Alter zuerst geht.
Fünftens: Die Anforderung nützt, der Treffer schadet. Fünf Jahre Kampftraining machen den Kopf schneller. Jahrelange Wettkampfelite mit Kopftreffern nicht. Deshalb kein Wettkampftraining bei mir.
Sechstens, und das ist mir das Wichtigste: Niemand muss aussortiert werden. Kein Kind, kein Erwachsener. Nicht wegen Gewicht, nicht wegen Alter, nicht wegen Fitness. Es braucht nur eine Übung mit mehreren Varianten und einen Trainer, der nicht über Körper redet.
Und noch ein letzter Gedanke.
Irgendwann geht es nicht mehr um immer mehr Leistung. Wenn du das erreicht hast, was du erreichen wolltest, geht es um Erhalt. Und Erhalt durch Gewohnheit ist leicht. Das ist keine Anstrengung mehr, das ist einfach dein Dienstag und dein Donnerstag.
Reduzieren oder aufhören dreht die Entwicklung wieder um. Deshalb hört es nicht auf.
Ich mache das jetzt seit über fünfzig Jahren. Ich habe alles ausprobiert, was schnell und hart versprochen hat.
Geblieben ist das, was ich jede Woche wiederholen konnte.
Wir trainieren im Martial Arts Center München, in Haidhausen, Wörthstraße neun. Für Kinder ab vier und für Erwachsene in jedem Alter.
Und wenn du heute nur eine Sache mitnimmst, dann diese:
Fang kleiner an, als du glaubst. Und komm nächste Woche wieder.
Das ist alles.
Das war Kampfkunst im Alltag. Was du trainierst, das bekommst du, also wähle es gut und bleib dran. Bis zum nächsten Mal.