Alle Folgen · wing-chun-technik · 15. August 2026 · 29 Min
Wing Chun, Einfachheit und die Gefahr, sich in Kampfkunst zu verlieren
Großmeister Dusan Drazic setzt sich in dieser Folge mit einer zentralen Frage auseinander: Was macht eine Kampfkunst wirklich aus? Er beleuchtet das Phänomen des Kampfkunst-Materialismus, bei dem Menschen ständig neue Techniken, Formen und Konzepte sammeln, ohne dabei wirklich tiefer in ihre Fähigkeiten zu investieren. Anhand von persönlichen Erlebnissen und der Philosophie von Wong Shun Leung zeigt Drazic, wie groß der Unterschied zwischen theoretischem Wissen und praktischem Können sein kann.
Du erfährst, warum Einfachheit nicht der Anfang, sondern das Ergebnis von jahrelangem Training ist. Drazic erklärt, wie Du Deine Prioritäten im Wing Chun klarer setzen kannst, warum Chi Sao nicht zum Selbstzweck werden darf und wie Du erkennst, welche Bewegungen Du wirklich brauchst und welche Du getrost weglassen kannst. Die zentrale Botschaft: Nicht mehr Wissen macht Dich stark, sondern das Wenige, das Du wirklich beherrschst.
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Transkript lesen
In den letzten Tagen kamen bei mir mehrere Dinge zusammen,
die auf den ersten Blick unterschiedliche Themen waren.
Es ging um Kampfkunstmaterialismus,
um chinesische Begriffe und ihre eigentliche Bedeutung,
um Chi Sao, um Wong Shun Leung
und zuletzt um einen Artikel von David Peterson
über Einfachheit und Direktheit im Wing Chun.
Je länger ich mich damit beschäftigt habe,
desto deutlicher wurde mir,
dass all diese Dinge eigentlich zusammengehören.
Sie führen immer wieder zu derselben Frage.
Was bleibt von einer Kampfkunst übrig,
wenn man alles Unnötige entfernt?
Kampfkunstmaterialismus beschreibt etwas,
das ich in mehr als 50 Jahren Training
immer wieder beobachten konnte.
Menschen sammeln.
Dabei geht es gar nicht unbedingt um materiellen Besitz.
Man sammelt Techniken, Anwendungen, Formen,
Konzepte, Graduierungen, Seminare, Lehrer
und irgendwann vielleicht sogar ganze Systeme.
Man sucht ständig nach etwas Neuem,
weil man das Gefühl hat,
irgendwo müsse noch die entscheidende Information
verborgen sein, die einem bislang gefehlt hat.
Das kann am Anfang durchaus sinnvoll sein.
Natürlich muss jemand, der Kampfkunst lernen will,
erst einmal Wissen aufnehmen.
Er braucht Techniken, Grundlagen,
Bewegungsmuster und Erklärungen.
Ohne diese Basis geht es nicht.
Problematisch wird es erst,
wenn das Sammeln selbst zum Ziel wird.
Dann glaubt man irgendwann,
mehr Wissen bedeute automatisch mehr Können.
Das ist aber nicht dasselbe.
Ich kann 100 Techniken kennen
und trotzdem nicht in der Lage sein,
eine einzige davon unter wirklichem Druck
zuverlässig anzuwenden.
Umgekehrt kann jemand nur wenige Werkzeuge besitzen
und mit diesen sehr gefährlich sein,
weil er sie verstanden,
tausendfach trainiert
und unter unterschiedlichsten Bedingungen eingesetzt hat.
Vor etwa 20 oder 25 Jahren
gab es einen Mann in München,
der praktisch in jedem größeren Kampfsportforum vertreten war.
Ich nenne ihn hier bewusst nicht beim Namen.
Er trat dort als großer Wissensexperte für Wing Chun auf
und kannte tatsächlich unglaublich viel.
Namen, Daten, Lehrer, Linien, Techniken, Begriffe und Geschichten.
Wenn man seine Beiträge gelesen hat,
konnte man leicht den Eindruck bekommen,
da schreibt jemand,
der Wing Chun wirklich sehr tief beherrscht.
Eines Tages tauchte er bei mir zum Probetraining auf.
Ich wusste sofort, wer er war,
weil ich seine Beiträge kannte.
Zunächst dachte ich auch,
gut, der Mann hat Ahnung.
Schon im ersten Gespräch fiel mir allerdings auf,
dass er sehr viel redete
und auch sehr gerne redete.
Im Training selbst kam dann die Überraschung.
Praktisch war er nicht besser als ein Anfänger.
Vielleicht auf dem Niveau von jemandem,
der einige Wochen oder ein, zwei Monate trainiert hatte.
Das gesamte große Wissen, das vorher so beeindruckend wirkte,
war im Wesentlichen theoretisch.
Er kannte die Begriffe, er kannte die Geschichten.
Er konnte erklären, wie etwas funktionieren sollte.
Aber sein Körper konnte es nicht.
Danach kam er nie wieder zum Training.
Wir sind uns später noch gelegentlich auf der Straße begegnet,
haben uns gegrüßt und das war es.
Dieses Erlebnis ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben,
weil es sehr deutlich zeigt,
wie groß der Unterschied zwischen Wissen und Können sein kann.
Jemand kann über Jahre Informationen sammeln
und dadurch nach außen einen enorm kompetenten Eindruck machen.
Nur sagt das noch überhaupt nichts darüber aus,
ob dieses Wissen im eigenen Körper angekommen ist.
Gerade in traditionellen Kampfkünsten
kommt dann noch die Vorstellung hinzu,
es müsse irgendwo eine besondere Technik geben.
Etwas, das die anderen nicht kennen.
Ein Geheimnis des Systems, eine sogenannte ultimative Technik,
vielleicht etwas, das früher nur ausgewählten Schülern gezeigt wurde.
Auch dafür gibt es chinesische Begriffe und Vorstellungen.
Die Idee dahinter ist immer ähnlich.
Wenn ich dieses eine fehlende Stück noch bekomme,
bin ich vollständig.
Ich glaube inzwischen genau das Gegenteil.
Je länger jemand wirklich trainiert,
desto weniger sollte er auf der Suche
nach dieser einen besonderen Technik sein.
Nicht, weil es keine besonderen Methoden
oder fortgeschrittenen Inhalte gäbe,
sondern weil man irgendwann versteht,
dass kein Geheimnis der Welt
fehlendes Timing, fehlende Struktur,
mangelnde Distanz
oder mangelnde Entschlossenheit ersetzen kann.
Und genau an dieser Stelle passt David Peterson für mich sehr gut hinein.
Ich mag Peterson nicht nur deshalb,
weil er direkter Schüler von Wang Shunlong war.
Das ist natürlich interessant,
aber es ist nicht der entscheidende Punkt.
Peterson ist Pädagoge
und das merkt man an seiner Art, Wing Chun zu erklären.
Er zeigt nicht einfach eine Bewegung und sagt,
so wird das gemacht.
Er versucht zu erklären, warum etwas gemacht wird,
welches Prinzip dahinter steht
und was der Schüler dadurch lernen soll.
Das ist für mich ein großer Unterschied.
Ein guter Kämpfer
ist nicht automatisch ein guter Lehrer.
Jemand kann etwas hervorragend können
und trotzdem Schwierigkeiten haben,
einem anderen Menschen verständlich zu machen,
wie er dorthin kommt.
Pädagogik bedeutet nicht nur, Wissen zu besitzen.
Man muss dieses Wissen zerlegen können,
Zusammenhänge erkennen
und dem Schüler eine Struktur geben,
mit der er später selbstständig weiterarbeiten kann.
Vielleicht ist es deshalb kein Zufall,
dass Peterson unter den direkten Schülern
Wong Shun Leung
immer wieder als jemand genannt wird,
der dessen Wing Chun
besonders gut erklären und demonstrieren kann.
Man merkt bei ihm sehr deutlich,
dass er nicht nur zeigen möchte,
was Wong gemacht hat.
Er will verständlich machen, warum es so funktioniert.
In seinem Text über Simplicity and Directness,
also Einfachheit und Direktheit,
beschreibt er etwas,
das zunächst fast banal klingt.
Wing Chun soll einfach, direkt und effizient sein.
Das wissen eigentlich alle.
Zumindest sagen es alle.
Interessant wird es erst,
wenn man sich anschaut,
wie tatsächlich trainiert wird.
Dann sieht man häufig genau das Gegenteil.
Es entstehen immer kompliziertere Bewegungsfolgen,
immer mehr Reaktionen auf mögliche Reaktionen
und immer mehr Antworten auf Situationen,
die im wirklichen Kampf
vielleicht eine halbe Sekunde dauern.
Dabei lautet eine der einfachsten Fragen überhaupt.
Warum soll ich drei Bewegungen machen,
wenn eine reicht?
Das klingt leicht.
Ist es aber nicht.
Denn Einfachheit ist nicht der Ausgangspunkt von Können.
Einfachheit ist häufig das Ergebnis von Können.
Das muss man unterscheiden.
Wenn ich heute sage,
dass Kampfkunst mit der Zeit einfacher werden sollte,
bedeutet das nicht,
dass ein Anfänger einfach alles weglassen kann.
Das wäre Unsinn.
Ein Anfänger besitzt noch gar nichts,
was er sinnvoll reduzieren könnte.
Er muss zunächst lernen.
Er braucht feste Abläufe,
klare Bewegungen,
Wiederholungen
und teilweise auch ziemlich genaue Vorgaben.
Er muss verstehen, wie er steht,
wie er sich bewegt,
wo der Ellbogen sein sollte,
wie Kraft übertragen wird,
wo seine Zentrallinie liegt,
welche Distanz er braucht
und wie sich ein sauberer Schlag überhaupt anfühlt.
Anfangs laufen diese Dinge
teilweise noch bewusst und getrennt voneinander ab.
Das kennt jeder Lehrer.
Man korrigiert den Stand
und plötzlich stimmt der Arm nicht mehr.
Man korrigiert den Arm
und dafür hebt der Schüler die Schulter.
Man erklärt die Distanz
und der Rest ist wieder vergessen.
Das ist völlig normal.
Der Schüler baut zunächst einzelne Bausteine auf.
Mit Training verbinden sich diese Bausteine.
Und irgendwann muss das Ganze so selbstverständlich werden,
dass er darüber nicht mehr nachdenken muss.
Man kann erst sinnvoll reduzieren,
wenn vorher etwas aufgebaut wurde.
Deshalb habe ich auch ein Problem
mit Aussagen wie
Techniken sind unwichtig.
Es geht nur um Prinzipien.
Das klingt schön, stimmt aber so nicht.
Ein Anfänger kann mit abstrakten Prinzipien
allein wenig anfangen.
Er braucht die Technik zunächst als konkretes Werkzeug,
an dem er das Prinzip überhaupt erfahren kann.
Ich vergleiche das gerne mit Sprache.
Ein Kind lernt auch nicht zuerst abstrakte Sprachtheorie.
Es lernt Wörter.
Dann einfache Sätze.
Es hört, wiederholt,
macht Fehler und bekommt Korrekturen.
Irgendwann versteht es Strukturen,
ohne noch darüber nachdenken zu müssen.
Techniken sind in diesem Vergleich das Vokabular.
Prinzipien sind die Grammatik.
Aber der entscheidende Schritt kommt später.
Man muss irgendwann selbst sprechen können.
Wer nur auswendig gelernte Sätze wiedergeben kann,
beherrscht die Sprache nicht wirklich.
Sobald das Gegenüber etwas sagt,
das in seinem Lehrbuch nicht vorgesehen war,
kommt er nicht mehr weiter.
Im Kampf ist das noch deutlicher.
Der andere hält sich nicht an meinen Lehrplan.
Er greift nicht genau in dem Winkel an,
den ich 20 Mal geübt habe.
Er bleibt nicht stehen.
Er reagiert nicht so,
wie mein Trainingspartner reagieren sollte.
Er kann stärker, schneller oder aggressiver sein,
als er wartet.
Deshalb sind Techniken notwendig,
aber sie dürfen nicht das Ende der Entwicklung sein.
Aus Technik muss Können werden.
Und aus Können muss Freiheit entstehen.
Genau deshalb ist Einfachheit so anspruchsvoll.
Wenn ich im Chisao oder im Kampf treffen kann,
dann treffe ich.
Das ist zunächst einmal die einfachste Entscheidung.
Ich brauche keine zusätzliche Bewegung,
nur weil ich irgendwann einmal gelernt habe,
dass vorher noch etwas anderes geschehen müsse.
Ist der Weg frei,
dann ist der Weg frei.
Das klingt banal.
Trotzdem sieht man ständig etwas anderes.
Menschen suchen Kontakt,
obwohl sie bereits treffen könnten.
Sie greifen nach einem Arm,
obwohl dieser Arm überhaupt kein Problem darstellt.
Sie erzeugen zusätzliche Bewegungen,
weil sie glauben,
Wing Chun
müsse irgendwie nach Wing Chun aussehen.
Für mich beginnt Direktheit genau dort,
wo ich damit aufhöre.
Wenn bereits ein Angriff auf mich zukommt
oder etwas meinen Weg kreuzt,
ändert sich mein Ziel trotzdem nicht.
Ich möchte weiterhin treffen.
Ich versuche also nicht automatisch,
zunächst einen Block zu produzieren
und danach einen Angriff zu starten.
Wenn es möglich ist,
lege ich meinen eigenen Arm so in den Weg,
dass sein Angriff geschnitten oder abgeleitet wird
und mein eigener Angriff trotzdem ins Ziel läuft.
Mein Angriff erfüllt dann gleichzeitig eine Schutzfunktion.
Das ist für mich die erste wirkliche Steigerung
gegenüber dem einfachen direkten Treffer.
Der Weg war nicht vollständig frei,
also löse ich das Hindernis,
ohne mein eigentliches Ziel aufzugeben.
Wenn das nicht funktioniert,
kommt die nächste Möglichkeit.
Angriff und Abwehr geschehen gleichzeitig.
Hier entstehen dann Dinge wie Pak Da, Tan Da, Bong Da
und andere Bewegungen.
Aber dabei ist mir etwas wichtig.
Pak Da ist nicht das Prinzip.
Pak Da ist eine Technik.
Die Technik ist nur eine mögliche Umsetzung des Prinzips,
Angriff und Schutz
möglichst in einer gemeinsamen Aktion zu verbinden.
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Wer nur Pak Da lernt, besitzt Pak Da.
Wer das Prinzip verstanden hat,
erkennt möglicherweise auch in einer völlig anderen Bewegung
dieselbe Idee.
Und erst wenn diese Möglichkeiten nicht funktionieren,
bleibt die Variante,
tatsächlich zunächst zu schützen
und danach wieder anzugreifen.
Für mich ergibt sich daraus eine klare Priorität.
Wenn ich direkt treffen kann, treffe ich.
Wenn etwas meinen Weg kreuzt,
versuche ich beim eigenen Angriff
gleichzeitig den gegnerischen Angriff zu schneiden
oder abzuleiten.
Wenn das nicht reicht,
verbinde ich Angriff und Abwehr
möglichst in derselben Aktion.
Und wenn auch das nicht möglich ist,
muss ich eben zuerst schützen
und danach wieder angreifen.
Das ist kein starres Vier-Punkte-Programm,
das man im Kopf abarbeitet.
Genau das wäre wieder das Gegenteil dessen, worum es geht.
Wann was geschieht, entscheidet die Situation.
Distanz, Timing, Winkel, Druck,
Erfahrung und Intuition bestimmen,
welche Möglichkeit entsteht.
Und irgendwann muss das so trainiert sein,
dass die Entscheidung nicht mehr bewusst formuliert werden muss.
Das ist Können.
Und Können kommt vom Training.
Nicht vom Lesen.
Nicht vom Sammeln.
Nicht von einem weiteren Seminar.
Vom Training.
Das führt direkt zum Chisao.
Chisao ist für mich eine hervorragende Trainingsmethode,
aber Chisao ist nicht der Kampf.
Und vor allem darf Chisao nicht zu einer eigenen Kampfkunst
innerhalb der Kampfkunst werden.
Genau das passiert leider schnell.
Man beginnt mit einem Drill,
der bestimmte Fähigkeiten entwickeln soll.
Kontaktgefühl, Struktur, Druckrichtung, Timing,
Distanz, Reaktion und das Erkennen von Lücken.
Alles sinnvoll.
Irgendwann entstehen aber eigene Spielregeln.
Dann gewinnt plötzlich derjenige,
der im Chisao besonders geschickt mit den Armen arbeiten kann.
Es werden immer neue Handwechsel entwickelt,
immer mehr raffinierte Bewegungen eingebaut
und irgendwann wird gegen die Hände des Trainingspartners gekämpft.
Der ursprüngliche Zweck verschwindet.
Wenn ich im Chisao eine freie Linie habe,
möchte ich nicht erst zeigen,
dass ich eine schöne Wing Chun Technik kenne.
Ich will treffen.
Wenn der Arm meines Partners meinen Weg kreuzt,
möchte ich ihn nicht automatisch wegschieben,
kontrollieren oder irgendwo festhalten.
Ich versuche, meinen Angriff so weiterzuführen,
dass sein Angriff gleichzeitig gestört wird.
Wenn das nicht reicht, entstehen Dinge wie Pak Da oder Tan Da.
Und wenn ich tatsächlich in einer schlechten Position bin,
dann muss ich mich eben zuerst schützen.
Das ist vollkommen in Ordnung.
Wing Chun sollte nicht zur Religion werden,
bei der eine bestimmte Bewegung verboten ist,
weil sie nicht dem Idealbild entspricht.
Ein Prinzip ist eine Orientierung.
Es ist kein Dogma, das die Realität ignorieren darf.
Der alte Wing Chun-Gedanke, nicht die Hände zu jagen,
sondern dem Gegner zu folgen, beschreibt dieses Problem sehr gut.
Der Arm ist nicht mein Gegner.
Er kann im Weg sein.
Er kann mir Informationen liefern.
Er kann Druck erzeugen.
Er kann eine Gefahr darstellen.
Aber mein Ziel ist nicht der Arm.
Mein Ziel ist der Mensch dahinter.
Genau das wird im Chisao häufig vergessen,
weil der Kontakt mit den Armen so dominant ist.
Man beginnt, auf jede Bewegung zu reagieren.
Der Partner verändert etwas, ich antworte.
Er bewegt den nächsten Arm, ich antworte wieder.
Dann macht er etwas anderes, ich löse auch dieses Problem.
Das kann technisch sehr anspruchsvoll aussehen.
Nur stellt sich irgendwann die Frage,
warum löse ich überhaupt alle diese Probleme?
Wenn ich schon vor drei Bewegungen hätte treffen können,
waren die restlichen Bewegungen vielleicht überhaupt nicht notwendig.
Und damit sind wir wieder bei Petersons Einfachheit.
Das System selbst zeigt uns diese Idee schon sehr früh.
Die Siu Nim Tao ist dafür ein gutes Beispiel.
Ich halte wenig davon, in jeder Bewegung einer Form
nach einer geheimen Anwendung zu suchen.
Natürlich kann man Bewegungen anwenden.
Aber eine Form ist für mich wesentlich mehr
als ein Katalog von Antworten auf Angriffe.
Sie vermittelt Struktur, Ausrichtung, Ellbogenposition,
Kraftübertragung, Entspannung und bestimmte Bewegungsideen.
Sie bringt dem Körper Dinge bei,
die später nicht mehr bewusst abgerufen werden sollen.
Peterson benutzt unter anderem Fuchsau,
um diesen Gedanken der Einfachheit zu erklären.
Dabei ist für mich nicht entscheidend,
ob jemand für jede Bewegung der Form
sofort eine Kampfanwendung präsentieren kann.
Interessanter ist die Frage,
was die Bewegung körperlich und konzeptionell vermittelt.
Eine Bewegung kann mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen.
Angriff und Schutz müssen nicht zwangsläufig
zwei voneinander getrennte Aktionen sein.
Und irgendwann wird sogar diese Formulierung zu kompliziert.
Denn idealerweise denke ich nicht mehr,
jetzt verteidige ich und greife gleichzeitig an.
Ich greife einfach so an,
dass mein Angriff mich gleichzeitig schützt.
Das ist noch einfacher.
Aber wieder gilt, einfach bedeutet nicht leicht.
Vielleicht ist das eines der größten Missverständnisse überhaupt.
Etwas Kompliziertes sieht häufig fortgeschritten aus.
Eine lange Kombination beeindruckt.
Schnelle Handwechsel beeindrucken.
Eine Technik mit fünf einzelnen Bestandteilen
wirkt auf Zuschauer anspruchsvoller
als ein einfacher gerader Schlag.
Nur interessiert das einen Gegner nicht.
Ein echter Konflikt bewertet keine Ästhetik.
Er bewertet das Ergebnis.
Und hier liegt ein weiteres Problem,
das man im Training sehr leicht übersieht.
Eine Demonstration ist nicht dasselbe wie Funktion.
Ich kann eine wunderschöne Technik vorführen,
wenn mein Partner mir den richtigen Angriff gibt.
Richtige Distanz, richtige Geschwindigkeit,
richtige Richtung und vor allem die richtige Reaktion danach.
Das sieht hervorragend aus.
Nur entsteht im Training sehr schnell unbewusste Kooperation.
Der Angreifer weiß, was gleich passieren soll.
Er bleibt an der richtigen Stelle.
Er gibt den richtigen Druck.
Er zieht den Arm nicht unerwartet zurück.
Er setzt nicht plötzlich nach,
schlägt nicht mit der anderen Hand
und rennt mich nicht einfach um.
Das muss am Anfang auch so sein.
Wie soll jemand eine neue Bewegung lernen,
wenn der Partner sofort alles zerstört?
Wieder ist nicht die Methode das Problem.
Das Problem entsteht, wenn man vergisst,
wofür diese Methode da ist.
Ein Drill ist eine Lernstufe.
Er ist nicht der Beweis, dass etwas im Kampf funktioniert.
Deshalb muss Training mit der Zeit schwieriger,
freier und chaotischer werden.
Nicht um alles zu einem wilden Sparring zu machen,
sondern damit geprüft wird,
was von der gelernten Struktur übrig bleibt,
wenn der andere nicht mehr vollständig kooperiert.
Ich sage seit Jahren sinngemäß,
wir trainieren 110%,
damit in der Realität vielleicht noch 90% übrig bleiben.
Denn unter Druck wird nichts besser.
Wenn eine Bewegung im ruhigen Training gerade so funktioniert,
wird sie unter Stress wahrscheinlich
nicht plötzlich hervorragend funktionieren.
Unter Druck sieht man, was wirklich sitzt.
Deshalb halte ich es für sinnvoller,
wenige grundlegende Dinge
immer wieder unter schwierigeren Bedingungen zu trainieren,
statt für jedes neue Problem
eine weitere Technik hinzuzufügen.
Und genau hier wird Kampfkunstmaterialismus
besonders interessant.
Warum lieben Menschen trotzdem neue Techniken?
Weil Neues sich nach Fortschritt anfühlt.
Wenn ich heute etwas lerne, das ich gestern nicht kannte,
habe ich unmittelbar das Gefühl, etwas gewonnen zu haben.
Ein neues Konzept, eine neue Form, eine neue Kombination.
Ich kann nach Hause gehen und sagen,
heute habe ich etwas Neues gelernt.
Wenn ich dagegen zwei Stunden lang
an meinem Fauststoß gearbeitet habe,
sieht der Fortschritt vielleicht nach außen kaum sichtbar aus.
Vielleicht steht mein Ellbogen fünf Zentimeter besser.
Vielleicht beginnt die Bewegung etwas entspannter.
Vielleicht treffe ich etwas sauberer.
Vielleicht ist meine Struktur stabiler.
Das ist weniger spektakulär.
Aber genau dort entsteht langfristig Können.
Ich habe das im Unterricht unzählige Male erlebt.
Kaum hat jemand etwas halbwegs verstanden, kommt die Frage,
was kommt danach?
Manchmal wäre die sinnvollste Antwort gar nichts.
Mach erst einmal das, was du bereits gelernt hast,
so gut, dass du es nicht nur im Drill kannst.
Genau diese Wiederholungen empfinden viele als langweilig.
Sie verwechseln Abwechslung mit Entwicklung.
Natürlich muss Training abwechslungsreich sein.
Natürlich braucht der Mensch neue Reize und neue Aufgaben.
Aber Abwechslung darf nicht bedeuten, dass man ständig das Werkzeug wechselt,
bevor man überhaupt gelernt hat, es zu benutzen.
Ein Boxer ist für mich dafür ein hervorragendes Beispiel.
Wong Shun Leung hat nicht umsonst immer wieder auf westliches Boxen verwiesen.
Nicht weil Wing Chun Boxen ist oder werden sollte?
Das wäre eine völlig falsche Schlussfolgerung.
Interessant ist die Trainingslogik.
Ein Boxer besitzt im Grunde eine überschaubare Anzahl
grundlegender Handtechniken.
Jab, Cross, Haken, Uppercut, dazu Varianten und natürlich Beinarbeit,
Deckung, Kopfbewegung und viele taktische Möglichkeiten.
Aber das Grundwerkzeug bleibt überschaubar.
Und genau dieses Werkzeug wird immer wieder trainiert.
Gegen einen Sandsack, an Pratzen, im Schattenboxen,
mit Partner, im Sparring,
mit unterschiedlichen Distanzen und unterschiedlichen Gegnern.
Der Boxer lernt nicht jeden Monat einen völlig neuen Fauststoß.
Er lernt, mit den vorhandenen Schlägen immer besser umzugehen.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Ein Jab kann nach drei Monaten technisch wie ein Jab aussehen.
Nach zehn Jahren ist es immer noch ein Jab.
Aber es ist nicht mehr derselbe Jab.
Timing, Vorbereitung, Distanzgefühl, Geschwindigkeit,
Täuschung und Erfahrung haben ihn verändert.
Genau diese Tiefe interessiert mich.
Und ich glaube, dass Wong Chun Leung diese Nüchternheit am Boxen schätzte.
Kampfkunst musste für ihn funktionieren.
Es ging nicht darum, Wing Chun möglichst geheimnisvoll erscheinen zu lassen.
Als ich Wong Chun Leung persönlich kennenlernen durfte,
war gerade diese pragmatische Sichtweise für mich interessant.
Kein mystisches Theater.
Natürlich hatte er enormes Wissen
und natürlich besaß Wing Chun für ihn eine klare Struktur.
Aber diese Struktur hatte einen Zweck.
Das ist für mich entscheidend.
Man darf ein System ernst nehmen, ohne daraus eine Religion zu machen.
Man kann seine Grundlagen respektieren,
ohne jede Bewegung für unantastbar zu erklären.
Und vor allem muss man irgendwann verstehen,
warum etwas überhaupt vorhanden ist.
Wenn ich nur kopiere, kann ich immer nur das wiedergeben,
was mein Lehrer mir gezeigt hat.
Wenn ich verstehe, kann ich dieses Wissen auf Situationen übertragen,
die mir vorher niemand gezeigt hat.
Genau darin liegt für mich die Bedeutung von Prinzipien.
Eine Technik gibt mir eine konkrete Antwort.
Ein Prinzip gibt mir eine Richtung,
aus der ich selbst Antworten entwickeln kann.
Deshalb sollte das System mit zunehmender Erfahrung
eigentlich kleiner werden.
Am Anfang wird es zwangsläufig größer.
Der Schüler lernt ständig etwas Neues.
Neue Positionen, neue Bewegungen, neue Übungen, neue Zusammenhänge.
Das ist notwendig.
Aber irgendwann sollte sich etwas umkehren.
Man beginnt zu erkennen, dass viele verschiedene Techniken
eigentlich Varianten derselben Idee sind.
Plötzlich sind es nicht mehr 20 voneinander unabhängige Antworten.
Es sind vielleicht drei oder vier grundlegende Prinzipien,
die in 20 unterschiedlichen Situationen sichtbar werden.
Das ist ein vollkommen anderes Verständnis.
Und genau dort beginnt für mich Meisterschaft überhaupt erst interessant zu werden.
Nicht dadurch, dass jemand immer mehr besitzt,
sondern dadurch, dass er immer klarer unterscheiden kann,
was er wirklich braucht.
Ich habe über Jahrzehnte selbst viele Kampfkünste trainiert,
unterschiedliche Systeme gesehen
und mit sehr unterschiedlichen Menschen gearbeitet.
Natürlich nimmt man aus all diesen Erfahrungen Dinge mit.
Aber irgendwann stellt man fest,
dass man nicht zehn Systeme gleichzeitig anwenden kann,
wenn es ernst wird.
Der Körper muss entscheiden.
Und zwar schnell.
Wenn ich dafür erst in meinem Kopf einen Katalog durchsuchen muss,
habe ich bereits ein Problem.
Das ist auch einer der Gründe,
warum ich Entschlossenheit für so wichtig halte.
Die beste Technik ist wertlos,
wenn ich im entscheidenden Moment nicht handle.
Kampfkunst kann mir Werkzeuge geben.
Sie kann mein Timing verbessern,
meinen Körperschulen,
meine Wahrnehmung verändern
und mir Möglichkeiten zeigen.
Aber sie nimmt mir die Entscheidung nicht ab.
Irgendwann muss ich handeln.
Und auch hier hilft Einfachheit.
Je klarer meine Prioritäten sind,
desto weniger Entscheidungen muss ich unter Druck treffen.
Ich muss nicht überlegen,
welche von zwölf Abwehrtechniken jetzt die schönste wäre.
Kann ich treffen, treffe ich.
Ist etwas im Weg,
löse ich das Problem möglichst auf dem Weg zum Ziel.
Muss ich mich schützen, schütze ich mich.
Und dann gehe ich wieder nach vorne.
Natürlich ist das vereinfacht formuliert.
Aber genau darum geht es ja.
Eine gute Theorie sollte die Realität nicht komplizierter machen,
als sie ohnehin schon ist.
Kampf selbst ist chaotisch genug.
Deshalb sollte mein Training versuchen,
Ordnung in mein eigenes Verhalten zu bringen
und nicht zusätzlich Chaos in meinem Kopf zu erzeugen.
Vielleicht erklärt das auch,
warum manche Menschen jahrzehntelang Techniken sammeln
und trotzdem ständig unsicherer werden.
Je mehr mögliche Antworten sie kennen,
desto mehr müssen sie auswählen.
Dabei wäre die bessere Entwicklung vielleicht genau anders herum.
Am Anfang brauche ich viele bewusste Informationen.
Später brauche ich klare Prioritäten.
Und irgendwann sollte das, was ich tue,
nahezu selbstverständlich werden.
Das heißt nicht, dass ich nicht mehr lerne.
Ich lerne immer noch.
Wahrscheinlich sogar mehr als früher.
Aber ich suche heute anders.
Ich frage weniger,
welche neue Technik kann ich noch hinzufügen?
Mich interessiert viel stärker,
warum funktioniert etwas?
Wann funktioniert es?
Wann funktioniert es nicht?
Und kann ich denselben Zweck einfacher erreichen?
Das ist für mich Lernen nach vielen Jahrzehnten.
Nicht immer mehr Material,
mehr Verständnis.
Wenn ich morgen ins Training gehe,
muss ich deshalb nicht unbedingt etwas Neues lernen.
Vielleicht ist die bessere Frage,
was von dem, was ich bereits gelernt habe,
wirklich funktioniert?
Welche Bewegung mache ich,
weil sie notwendig ist?
Welche mache ich nur,
weil ich sie irgendwann einmal gelernt habe?
Wo erzeuge ich zusätzliche Aktionen,
obwohl eine reichen würde?
Was passiert,
wenn mein Partner plötzlich nicht mehr so reagiert,
wie ich es gewohnt bin?
Und vor allem,
bleibt mein eigentliches Ziel noch dasselbe?
Diese Fragen finde ich heute wesentlich interessanter
als die nächste besondere Technik.
Denn irgendwann
führt Kampfkunst für mich nicht mehr dahin,
immer mehr Antworten zu sammeln.
Sie führt dahin,
die richtigen Fragen zu stellen.
Am Anfang muss man hinzufügen.
Man braucht Wissen,
Techniken,
Formen,
Drills
und Erfahrungen.
Man muss Dinge teilweise hundert- oder tausendfach wiederholen.
Ohne diese Arbeit gibt es keine Abkürzung.
Später beginnt man auszusortieren.
Man erkennt Zusammenhänge.
Man lässt Überflüssiges weg.
Und irgendwann
bleibt hinter all den Techniken etwas wesentlich Einfacheres übrig.
Die Fähigkeit,
die Situation wahrzunehmen,
eine Entscheidung zu treffen
und das Richtige im richtigen Moment zu tun.
Nicht mehr,
aber auch nicht weniger.
Vielleicht ist genau das die Einfachheit,
von der David Peterson spricht.
Nicht primitive Kampfkunst,
nicht weniger Wissen,
nicht weniger Training,
sondern so viel Verständnis,
dass man im entscheidenden Moment weniger braucht.
Das war die erste Folge von meinem neuen Podcast.
Wenn du eine Sache mitnimmst,
dann diese.
Nicht mehr Wissen macht dich stark,
sondern das Wenige,
das du wirklich beherrschst.
Also sammle nicht,
vertiefe.
Trainiere weniger,
aber trainiere ist richtig.
Ich freue mich, wenn du beim nächsten Mal wieder dabei bist.
Bis dahin.